Brief Nummer 14
Liebe Leserin, lieber Leser
Nach einer langen Pause ist es an der Zeit, den Faden der «Briefe aus der Mühle» wieder weiter zu spinnen.
Es gibt nichts zu beschönigen: Mein Ruf in Bezug auf Ordnungsliebe ist nicht der glänzendste. Ich halte wenig von leeren Schreibtischen und gerade ausgerichteten Stiften. Suche ich ein bestimmtes Blatt Papier, finde ich es rascher in einem scheinbar chaotischen Stapel als in einer ordentlichen Ablage. Aber auch das hat seine Grenzen und irgendeinmal wird mir klar: nun geht es ans Aufräumen! Ich kann mich dafür dann sogar begeistern. Je unübersichtlicher der Schreibtisch, je wilder der Garten, je verstellter die Scheune – umso mehr greife ich durch. Jetzt lohnt es sich, tabula rasa zu machen. An diesem Punkt bin ich auch in Bezug auf meine innere Ordnung angekommen. Was für ein Chaos will sich in meinem persönlichen Koordinatensystem ausbreiten seit März 2020! Das Ausmass dieser Verwerfungen wird nur langsam in seiner ganzen Dimension sichtbar, der Katastrophen-Prozess ist aber immer noch im Gange und scheint sich ewig fortsetzen zu wollen. Deshalb ist es an der Zeit, aufzuräumen. Die Kompassnadel ist entfesselt und richtet sich immer neu aus. Sie hat sich abgekoppelt vom magnetischen Nordpol. (Ich bin davon überzeugt, dass der magnetische Nordpol noch an seinem angestammten Ort ist). Das Karussell dreht sich immer schneller, «und dann und wann ein weißer Elefant» heisst es schon bei Rilke. Dabei sind wir es selber, die das Karussell antreiben durch Empörungsäusserungen, durch feine oder grobe Rachewünsche, durch das Gefühl, die ganze Wahrheit zu kennen. Die Welt ist anspruchsvoll geworden und verlangt von uns innere Orientierung und innere Treue. Genügt eine übereinstimmende Meinung in einer Frage, um mich darüber zu freuen und mich mit demjenigen irgendwie zu verbinden, der diese Meinung äussert? Ändert sich etwas an meiner Distanz zu Steve Bannon, zu Alice Weidel oder zu Roger Köppel, nur weil sie teilweise rhetorisch brillant und mutig die Sache auf den Punkt bringen und meine eigene Sicht auf die Dinge teilen? Die Schnittmenge ist klein und die Differenzen bleiben gross. Ich kann und will meine Distanz wahren in Anerkennung unserer Übereinstimmung in dieser einen Frage, rassistische Gedanken und Äusserungen oder ein rückwärtsorientiertes Weltbild werden aber damit nicht aus der Welt gebeamt und nicht harmlos. Ein anderes Feld der gesteigerten Unordnung: Verwundert und irritiert beobachte ich, wie in meinem Umfeld immer wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Die so genannten Mainstream Medien lügen, das ist offensichtlich, so offensichtlich wie der Zusammenhang mit Zahlungen an diese Medien, sei es in Form von Beiträgen der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, von Inseraten der Regierung oder anderer «Unterstützung». Auch der Wechsel der Besitzer in den letzten 10 bis 15 Jahren spielt eine entscheidende Rolle. Zeitungen sind kaum mehr wieder zu erkennen. Und trotzdem ist es nicht so, dass in jedem Fall der Text gekauft ist, dass in jedem Fall der Journalismus in diesen Medien fake ist. Das gilt umgekehrt genauso: Nur weil es ein «alternatives Medium» ist, garantiert das den Wahrheitsgehalt einer Nachricht nicht und hier ist genauso eigene Urteilskraft und kritische Distanz angebracht. Ein anderes Thema der Verwirrung: Der Rechtsstaat in den europäischen Staaten ist schwer beschädigt. Die Judikative kuscht und deckt teilweise rechtswidrige Massnahmen. Wer das schönredet, sieht nicht hin. Aber auch hier kann das nicht Anlass sein, jegliche Rechtsordnung zu verweigern und auflösen zu wollen. Es geht dabei nicht um Anarchismus, sondern ganz grundsätzlich um die Verweigerung, jegliche rechtliche Ordnung anzuerkennen und auf ein fiktives «Naturrecht» auszuweichen. Eine Idee, die sich erstaunlich flink verbreitet und Anhänger findet. Eine Sehnsucht nach einem Ausstieg aus dem System, eine Sehnsucht nach einer Parallel-Gesellschaft lebt in vielen Seelen, mit Grund. Familien und Einzelpersonen flüchten, vor allem aus Deutschland, weil sie die Verhältnisse nicht mehr aushalten, und suchen einen Ort der Bleibe, der ihren Idealen entspricht, auch in Bezug auf Schulsysteme, Gesundheitsversorgung und gesellschaftlicher Organisation. Da die Krise global ist, gibt es keine freien Fluchtziele mehr, das ist anders als in früheren Zeiten, in denen Menschen fliehen mussten. So wirken diese Menschen häufig heimatlos und gehetzt. Vielleicht ist diesmal die äussere Flucht sinnlos. Wir teilen uns den Planeten Erde und begegnen uns, ob wir uns dem Transhumanismus verschreiben oder als Menschen weiterleben wollen. Wir sind alle aufeinander angewiesen, ob es uns passt oder nicht. Es ist nichts Neues, dass die Reaktion genauso übertrieben ausfällt, wie die vorangehende Aktion, die Reaktion möglicherweise noch mehr über das Ziel hinausschiesst als die ursprüngliche Aktion. Was im März 2020 angefangen hat, verursacht eine umfassende Unordnung, deren Ausmass noch nicht ermessbar ist. Es ist an der Zeit mit Aufräumen zu beginnen, eine erste Sichtung vorzunehmen und uns vom Ballast zu befreien. Ich möchte mich davon nicht ablenken lassen, nicht durch irgendwelche Killer-Viren, allfällige Stromausfälle oder Lieferengpässe, kriegslüsterne Propaganda oder Klimahysterie. Das ist anspruchsvoll und alleine kaum zu unternehmen. Denn es geht nicht nur um mein persönliches Koordinatensystem, es geht um unsere Zukunft als Gemeinschaft, um unsere Zukunft als soziale Wesen mit all unseren Unvollkommenheiten. Meine Begeisterung für das Aufräumen in diesem Fall nährt sich aus der Entdeckung, dass ich den Nullpunkt meines Koordinatensystems in mir selber finden und setzen kann. Die rote Linie lege ich selber fest, sie kann nicht statisch sein, weil das Leben nicht statisch ist. Die Wahrheit ist ein dynamischer Prozess, keine abgeschlossene Tabelle. Es wird nie ganz aufgehen, das hält uns in Schwung und ist so geheimnisvoll wie das pythagoräische Komma.
«Komm! Ins Offene, Freund!» ermuntert uns schon Hölderlin. Dort, wo wir unseren eigenen inneren Kompass dem entfesselten Kompass der Äusserlichkeit mutig entgegensetzen. Es ist ein andauerndes Ostererlebnis, eine permanente Evolution. Der stete innere Weg, der sich wie ein Gralsritter in der Welt bewähren muss, der wächst an Hindernissen und Widerständen, die ihren guten Grund in der eigenen Unvollkommenheit haben. Dann kommt langsam das irrwitzige Karussell zum Stehen, die entfesselte Kompassnadel zur leise zitternden Ruhe. Es gibt nichts zu beschönigen und zu verharmlosen: die Krise ist gewaltig, die Lügen ungeheuerlich, der Destruktionswille erbarmungslos – und der Prozess ist noch lange nicht fertig. Wir haben immer die Möglichkeit, eine mindestens ebenso grosse Kraft in uns entfalten zu können. Durch die innere Wahrhaftigkeit und das Vertrauen in unsere Fähigkeit, mit dem eigenen inneren Kompass diesen Bedrohungen mutig und entschlossen zu begegnen, sie zu erkennen und uns zu verwandeln. Daraus können sich dann auch neue Gemeinschaftsformen entwickeln oder ein neues Geldsystem. Das System der alten Denkformen müssen wir verlassen, nicht als Flucht sondern als Aufbruch zu einer grossen Entdeckungsreise. Vielleicht ist das eine Art spirituelles Aufräumen.
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